KVN Pro

„Auch ländliche Gebiete finden ihre Interessenten“

Über die kommunale Wirtschaftsförderung unterstützt der Landkreis Gifhorn auch niedergelassene und niederlassungswillige Ärztinnen und Ärzte. Der Erfolg: Größere Versorgungsengpässe im ambulanten Bereich konnte der Landkreis bislang vermeiden

Amelsberg web

Kreisrat Rolf Amelsberg
Foto: privat

Gifhorn

Schloss Gifhorn, Sitz der Kreisverwaltung Gifhorn.
Foto: Wikimedia Commons/ Stefan Flöper

Der Landkreis Gifhorn wäre eigentlich prädestiniert dafür, zu einem Versorgungs-Notstandsgebiet zu werden: Ein ländlich geprägter, strukturschwacher Raum, vor allem im nördlichen Bereich nur dünn besiedelt. Die Bevölkerung verteilt sich auf verstreut liegende Dörfer und Kleinstädte; Gifhorn als mittelgroße Kreisstadt steht im Schatten der benachbarten Oberzentren Wolfsburg und Braunschweig. Dennoch hat der Landkreis es mit einer vorausschauenden Strategie bislang geschafft, Lücken in der ambulanten medizinischen Versorgung immer wieder auszugleichen und ärztlichen Nachwuchs in die Region zu holen.

 

Seit 2014 stellt der Landkreis im Rahmen seines Förderprogramms für kleine und mittelständische Unternehmen auch Investitionszuschüsse für die Ansiedlung und Neueinrichtung ärztlicher Praxen zur Verfügung – sofern die Investitionen mit einem entsprechenden Personalzuwachs einhergehen. Anfänglich gab es nur solche investitionsgebundenen Zuschüsse. Die Förderrichtlinie der KVN in Braunschweig gab dann 2021 den Impuls, zusätzlich auch Ansiedlungsprämien für niederlassungswillige Ärztinnen und Ärzte auszuloben.

 

Förderung im Doppelpack

 

Niederlassungsinteressierte können also, wenn sie einer unterrepräsentierten Arztgruppe angehören, Fördermittel als Ansiedlungsprämie erhalten und dann auch noch eine Investitionsförderung bekommen. „Dieses Paket wird sehr stark nachgefragt“, bestätigt Kreisrat Rolf Amelsberg, im Landkreis Gifhorn zuständig für die Fachbereiche Jugend, Soziales und Gesundheit. Aber auch bereits niedergelassene Ärzte können eine Investitionsförderung beantragen, wenn sie etwa ihre Praxis erweitern möchten. „Es ist immer auch an die Schaffung neuer Arbeitsplätze gebunden“, so Amelsberg „Wenn also jemand z.B. eine Praxisgemeinschaft gründen möchte, kann er sich die dafür notwendigen Investitionen im Rahmen dieser Förderung noch einmal besonders bezuschussen lassen.“

 

Die Höhe der Niederlassungsförderung bemisst sich nach der Versorgungslage. „Wir haben es so geregelt, dass wir die Bedarfsplanung zugrunde legen, ob wir eine Förderung zusagen oder nicht. Die KVN Bezirksstelle in Braunschweig gibt ihren Kommentar ab und ich beurteile das hier seitens des Landkreises“, erläutert Amelsberg. So ergibt sich ein zweiseitiges Votum, auf das sich dann eine Förderung gründet. „Die Genehmigung bedarf also nicht eines politischen Beschlusses, sondern lediglich der Stellungnahme der KV. Die Kreispolitik hat uns mit dieser relativ schlanken Zwei-Stufen-Förderung völlig freie Hand gegeben“, unterstreicht Amelsberg.

 

Die Fördermöglichkeit wird nur dann voll ausgeschöpft, wenn bereits absehbar ist, dass ein Gebiet ohne Neuniederlassung in einem bestimmten medizinischen Fachgebiet in eine Unterversorgung rutscht – oder schon unterversorgt ist. Dann winken bis zu 50.000 Euro Niederlassungsprämie. Und die örtliche Kommune gibt meist nochmals 20 Prozent Förderung dazu.

 

Seit Mitte 2022 hat der Landkreis Gifhorn nach der Niederlassungsrichtlinie insgesamt sechs Ansiedlungsprämien in Höhe von 165.000 Euro bewilligt, davon wurden bereits 90.000,00 Euro ausgezahlt, 33.000 Euro kommen zusätzlich von den Kommunen dazu. Darüber hinaus wurden seit 2018 im Rahmen der KMU-Förderung insgesamt 247.000 Euro an Investitionskostenzuschüssen für kassenärztliche Praxen gezahlt – die Kommunen tragen hier die Hälfte der Förderung. Weitere 143.000,00 stehen noch zur Auszahlung an, weitere Förderungen sind beantragt.

 

Geld ist nicht alles

 

Aber kann man allein mit Geldspritzen junge Ärztinnen und Ärzte aufs Land locken? Amelsberg gibt sich da vorsichtig. Die Förderung spreche erst einmal Ärzte an, die sowieso aus der Region kommen und in der Gegend einen Standort suchen. Für sie gebe die doppelte Förderung von Ansiedlung und Investition oft den Ausschlag für eine Niederlassung in Gifhorn. „Aber in der Region haben wir damit schon ein Alleinstellungsmerkmal. Manche Kollegen aus den umliegenden Landkreisen sagen: So eine Förderrichtlinie hätte ich auch gerne.“

 

Zudem ist die Niederlassungsförderung nur ein Baustein eines umfassenden Programmes des Landkreises, Medizinstudierende aus der Region an sich zu binden und sie zurückzuholen. Die Förderung setzt früh ein und hat viele Facetten. Acht Studierende werden oder wurden bislang vom Landkreis über ein Stipendienprogramm gefördert. Das gibt es in anderen Landkreisen mittlerweile auch. Doch Gifhorn bemüht sich, den Kontakt auch zu den anderen „Landeskindern“ während ihres Studiums aufrecht zu erhalten – mit einem „Mentoring-Programm“. Dabei übernehmen Niedergelassene und Klinikärzte „Patenschaften“ für angehende Kolleginnen und Kollegen und geben ihnen frühzeitig Einblicke in den ärztlichen Berufsalltag. Die Botschaft: Keine Angst vor der Niederlassung und der Selbständigkeit – das ist alles überschaubar. Derzeit werden 26 Mentees im Medizin-Mentoring von 13 Mentoren betreut.

 

Schließlich bietet der Landkreis Simulationskurse für den Test für medizinische Studiengänge (TMS) an, sodass Bewerberinnen und Bewerber frühzeitig testen können, ob sie dieser Herausforderung gewachsen sind. Seit 2015 haben insgesamt 252 Schülerinnen und Schüler am TMS teilgenommen. Für Amelsberg liegt der Erfolg in der Langfristigkeit. „Ich sage der Politik immer wieder: Man kann nicht erwarten, dass man heute Geld rein gibt und morgen lässt sich der Kollege nieder.“

 

Flächendeckender Erfolg

 

Doch langfristig zahlt sich das Engagement aus. Gifhorn hat es geschafft, die ambulante Versorgung im Landkreis einigermaßen stabil zu halten. „Man kann sagen, es gibt keine freien Arztstellen, die komplett seit Beginn meiner Amtszeit unbesetzt geblieben sind. Wir hatten immer wieder mal Unterversorgung, aber nie durchgängig über Jahre hinweg“, bilanziert Kreisrat Amelsberg.

 

Gerade in jüngster Zeit gab es mehrere Ansiedlungen in den unterversorgten Gebieten Braunschweig Umland und Wolfsburg Umland. Recht gut versorgt ist die dünn besiedelte Gegend um Wittingen. Aber aufgrund der geringen Arztanzahl hier sinkt der Versorgungsgrad gleich um einige Prozentpunkte, wenn ein Kollege oder eine Kollegin aufhört. „Deswegen passen wir auch immer auf, dass wir hier nicht zu sehr runter sacken.“

 

Aber lassen sich Niederlassungsinteressierte gezielt in solche Ecken lenken? „Wir stellen fest, dass auch die ländlichen Gebiete durchaus ihre Interessenten haben. Meistens haben die auch gerade dorthin einen Bezug. Aber sie lassen sich auch durchaus dahingehend beraten, dass sie sich nicht gerade in der Stadt Gifhorn niederlassen“, versichert Amelsberg.

 

Niederlassungsberatung durch die KVN und Wirtschaftsförderung durch den Landkreis gehen dabei Hand in Hand. Das „Marketing“ für das Ansiedlungsprogramm läuft über die KVN in Braunschweig. Die meisten Vermittlungen kommen durch die Beratungsgespräche zur Niederlassung zustande, in denen die KV frühzeitig auf die besonderen Fördermöglichkeiten in Gifhorn hinweist. „Das ist ein gutes Miteinander“, betont Amelsberg.

 

Niederlassung im Wandel

 

Doch auch im Landkreis Gifhorn ist die Selbständigkeit in Einzelpraxis nicht mehr das Standardmodell der Niederlassung. Anstellungsverhältnisse und Kooperationsmodelle nehmen zu. In Wesendorf etwa hat sich ein Ärztezentrum mit mehreren Zweigpraxen etabliert, die in der Woche an verschiedenen Wochentagen zuverlässig mit ärztlicher Kompetenz bestückt werden. „Die Frequenz ist bei den Ärzten so hoch, dass sich auch mehrere Kollegen das Patientenaufkommen sehr gut teilen können“, weiß Amelsberg. „Aber eine reine Arztpraxis auf dem Land ohne drumherum, das findet man nur noch sehr selten.“ Und auch in Gifhorn geht der Trend zu Gemeinschaftspraxen mit einer Apotheke, einer Physiotherapie oder einem Ergotherapeuten gleich im Haus.

 

„Regionale Versorgungszentren“, die von der Kommune betrieben werden, sind im Landkreis Gifhorn daher kein Thema. Das herkömmliche Konzept der Ansiedlungsförderung hat Erfolg. Man werde sich mit den Kollegen andernorts natürlich austauschen, so Amelsberg. „Falls es sich tatsächlich bewährt, müssen wir uns noch mal Gedanken machen. Aber im Moment ist das kein Modell, das für uns in Frage kommt.“

Menteeprojekt

Im Mentee-Projekt des Landkreises erleben angehende Ärztinnen und Ärzte den Praxisalltag hautnah. Foto: LK Gifhorn

Nachwuchs aus der Region


Ein Geheimnis des Erfolgs, den der Landkreis Gifhorn bei der Suche nach ärztlichem Nachwuchs verzeichnen kann, ist die langfristige Planung und die systematische Kontaktpflege schon mit Medizinstudenten - aus der eigenen Region, aber auch darüber hinaus. Seit Jahres gibt es ein „Mentee”-Projekt, in dem erfahrene Ärzte aus der Region angehende Medizinerinnen und Mediziner unter ihre Fittiche nehmen und in den ärztlichen Arbeitsalltag einführen. Das kann „Hineinschnuppern” in den Praxisalltag bedeuten, ein ganzes Praktikum, aber auch praktische Ergänzungsseminare wie etwa einen chirurgischen „Nähkurs”, der die universitäre Ausbildung durch tätigkeitsnahe Inhalte vertieft. Und auch der zwanglose Kontakt mit den eingesessenen Kolleginnen und Kollegen kommt nicht zu kurz. Im Hintergrund steht immer den Gedanke, die Verbindung mit der Heimat nicht abreißen zu lassen. Nicht zuletzt die Bindungen an das vertraute Umfeld tragen später vielleicht dazu bei, als fertiger Arzt oder Ärztin in den Heimatkreis zurückzukehren - oder ihn als neue Heimat anzunehmen.